Typische Distributionsformen der Nominationen im Indgrid Nolls Roman "Das Ehrenwort" (2010)

In der Nomination (Ausdrucksweise) drückt sich die Art der "Beziehungsgestaltung" aus. Die wertend-emotionale Komponente der Nominationen der Hauptprotagonisten wurde bisher anhand von prosaischen Werke kaum beleuchtet. Am Material aller Nominationen der Hauptfigur (Willi Knobel) im Ingrid Nolls Roman "Das Ehrenwort" (2010) sollen in der vorliegenden Arbeit alle möglichen Distributionen dieser Nominationen gezeigt werden. Diese Distributionsanalyse ist für die Bestimmung der Tatsache, wem die jeweilige Bezeichnung gehört (dem Narrator, dem Sohn, dem Enkel der Hauptfigur usw.) notwendig. Unter Distribution wird die Gesamtheit aller verbalen Kontexte (die direkte Rede, die indirekte Rede, die erlebte Rede, das uneigentliche Erzählen) verstanden, in denen die Nominationen der Hauptfigur vorkommen.

Die direkte Rede stellt eine der Formen der "fremden Rede" dar, bei der die Rede oder der Gedanke von Figuren authentisch und direkt wiedergegeben wird, z.B.:  „Aber du brauchst nicht gleich auszuflippen, Papa! Wahrscheinlich handelt es sich bei Opa um zeitweilige Durchblutungsstörungen im Hirn, jedenfalls habe ich es so im Internet recherchiert. Deswegen ist er manchmal leicht verwirrt und sucht seine Ilse. Ich denke, das kommt daher, dass er die Oma so vermisst“ [1, S. 126]. Das angeführte Zitat in der direkten Rede enthält die Nomination Opa und gehört der Rede von Max, dem Enkel der Hauptfigur, und ist der eindeutige Fall der Zugehörigkeit dieser Bezeichnung seiner Stimme.

Im Unterschied zur direkten Rede wird in der indirekten Rede die Seite der "fremden" Äußerung oft nicht berücksichtigt. In der indirekten Rede wiedergibt der Narrator die Worte des Protagonisten auf mehr oder weniger reduzierte Weise: Einen Monat später erzählte ihm seine Mutter mit besorgter Miene, dass Opa seine Frau Künzle entlassen habe. Seine Mutter wollte das allerdings nicht recht glauben; sie dachte, der Alte hätte seine Moneten verlegt und die Haushaltshilfe zu Unrecht beschuldigt [1, S. 8]. In der angeführten Passage werden in der indirekten Rede zuerst die Aussage der Schwiegertochter der Hauptfigur Petra und danach ihre Gedanken wiedergeben. Folglich gehören die Nominationen Opa (‘Großvater’; umgangssprachlich, positive Wertung) und der Alte (abwertend, gesprochen, pejorativ) ihrer kommunikativen Sphäre. Es fällt auf, dass die Mutter von Max in der mündlichen Aussage für die Nomination von ihrem Schwiegervater den Ausdruck mit positiver Wertung Opa verwendet. In ihren Gedanken aber kommt schon die abwertende Bezeichnung der Alte vor, die ihr wirkliches Verhältnis zum Hauptprotagonisten ausdrückt. Solche Verbalisierung von inneren Zuständen der im Roman handelnden Figuren ist dank dem allwissenden und allgegenwärtigen nichtdiegetischen Narrator möglich, der in seiner objektiven Wertungshaltung Einblick in die mentalen Prozesse aller Figuren hat. 

In der vorliegenden Untersuchung folgen wir der Definition der erlebten Rede, die 2005 in seiner Schrift "Elemente der Narratologie" der Hamburger Narratologe Schmid vorgeschlagen hat. In seiner Definition wird die erlebte Rede als eine der Arten von Textinterferenz (Interferenz vom Erzählertext und dem Figurentext) verstanden [2, S. 208]. Der Sinn der erlebten Rede lässt sich mit folgendem Beispiel veranschaulichen: Das konnte nicht mehr lange gutgehen, der Opa wurde langsam, aber sicher zum Messie. Er sollte lieber heute als morgen das Haus verkaufen und bei seinen Kindern einziehen. Dann bräuchte Max auch nicht immer herzufahren, der Alte könnte mit der Familie essen und müsste sich nicht mehr um Dinge kümmern, die ihm über den Kopf wuchsen. Wenn sein Vater nur noch nicht so stur wäre und Mizzis Zimmer freigeben würde. Auch ein Ringtausch wäre denkbar – Mizzis Balkonzimmer für Max, der Raum im Souterrain für den Opa. Wahrscheinlich kam sein Vater erst zur Einsicht, wenn dem Alten etwas zustieße [1, S. 21].

Hier können wir sehen, dass die angeführte Passage zwar von der dritten Person des nichtdiegetischen Narrators kommt, aber die Gedanken des Enkels Max wiedergibt. Die Personenangaben sowie Tempora gehören dem Erzählertext, thematische, axiologische und stilistische Merkmale sprechen eher für den Figurentext. Davon zeugen folgende semantisch-pragmatische Mittel: deiktische temporale Adverbien (heute, morgen); Modalwörter (sicher, wahrscheinlich); expressive Lexik (stur); Phraseologismen (über Kopf wachsen); Sätze mit impliziertem Ausruf (Wenn sein Vater nur noch nicht so stur wäre und Mizzis Zimmer freigeben würde). Die gleichzeitige Stimmenpräsenz vom Narrator und Max erschwert die Stimmenidentifikation und Wertungszugehörigkeit einer der sprechenden Instanz. Solche Fälle semantischer Polyvalenz in den Nominationen des Hauptprotagonisten sind typisch für das kontextuelle Umfeld der erlebten Rede.

Noch eine typische Distributionsform – das uneigentliche Erzählen – stellt ebenfalls einen Typus der Textinterferenz dar. Im Unterschied zur erlebten Rede aber, die die Figurenrede „in der Gestalt der Erzählerrede mit geringerer oder größerer narratorialer Transformation wiedergibt“ [2, S. 219], ist das uneigentliche Erzählen authentische Rede des Narrators, die „in variabler Dichte Wertungen und Benennungen ohne Markierung aus dem Figurentext übernimmt“ [2, S. 219]. Dies sei am folgenden Beispiel gezeigt: „Junge, ob du es glaubst oder nicht, ich war mal ein toller Hecht – so wie du –, und deine Großmutter eine kesse Biene!“Max kannte das vergilbte Foto von Hecht und Biene. Willi in Uniform, Ilse im Dirndlkleid. Er streng und kantig, sie verträumt und hausbacken, alle beide dünn und hochgewachsen [1, S. 7]. In dieser Passage figurieren die Nominationen Hecht und Biene zuerst in der direkten Rede der Hauptfigur, was ihre weitere Identifikation im Erzählertext erleichtert. Die zweite Hälfte des Zitats ist folglich das uneigentliche Erzählen, wo sich in den Benennungen Hecht und Biene die Wertungen des Großvaters mit den Wertungen seines Enkels überlappen. Dadurch, dass diese Wertungen in den Erzählertext geraten, entsteht Ironie.

Die folgende Tabelle fasst die typischen Distributionen der Nominationen des Hauptprotagonisten sowie die Zahl der Kontexte und die Zahl der Nominationen zusammen.

Tabelle – Typische Distributionen der Nominationen im Roman

Typische Distributionen der Nominationen

Die Zahl der Kontexte

Die Zahl der Nominationen

die direkte Rede

82

91 (16,5%)

die indirekte Rede

9

10 (1,8%)

die erlebte Rede

50

66 (11,9%)

uneigentliches Erzählen

273

386 (69,8%)

Insgesamt:

414

553 (100%)

Die Tabelle zeigt, dass die meisten Nominationen (fast 70%) im uneigentlichen Erzählen vorkommen. An zweiter Stelle ist die direkte Rede mit 91 Nominationen, was 16,5% aller Benennungen der Hauptfigur im Roman ausmacht. Am drittmeisten (11,9%) kommen die Nominationen in der erlebten Rede vor. Es ist interessant, dass nur 1,8% aller Nominationen in der indirekten Rede gebraucht werden. Die Dominanz der Nominationen im uneigentlichen Erzählen zeugt von der freiwilligen Entscheidung des nichtdiegetischen Narrators die wertungsmäßigen Nominationen aus der Figurenrede in den Kontext seiner Rede für seine Zwecke zu übernehmen. Im uneigentlichen Erzählen überlappen sich die Wertungen aus der kommunikativen Sphäre verschiedenen Figuren mit den Wertungen des Narrators. Die vorkommenden Nominationen in der direkten Rede können dazu verhelfen, die Stimme und alle möglichen Wertungen mit den Figuren zu identifizieren. Die typischen Nominationen in der direkten Rede haben sowohl positive Wertungen der Opa, als auch neutrale der Großvater, der Vater und negative Wertungen der Alte. Die minimale Zahl der Nominationen in der indirekten Rede könnte mit dem analytischen Charakter dieser Redewiedergabeform verbunden sein. In der indirekten Rede wird oft Wert nicht auf die Form mit möglichen Wertungen sondern auf den Inhalt gelegt. 

Literatur:

1. Noll, I. Das Ehrenwort / I. Noll. — Zürich: Diogenes, 2010. – 336 S.

2. Schmid, W. Elemente der Narratologie [2005] / W. Schmid. – Berlin/New York: de Gruyter, 2008. — 335 S.